
Arbeitstitel: Stressakademie
Die Stressakademie ist eine Fun-tasy, die im März 2027 im Verlag Alea Libris erscheint. Sie lädt ihre Leser*innen zum Schenkelklopfen ein und wird ihnen gehörige Bauchmuskelkrämpfe und tränende Augen bescheren. Hast du Lust auf ein Buch im Stil von Monty Python? Dann bist du hier genau richtig.
Freddy
»Zieh dich warm an, Junge. Du weißt nicht, wohin die Reise geht. Diese vermaledeite Magierschule könnte in Sibirien sein.« Mum bückt sich unter dem Türsturz hindurch, um ihre neueste Kreation von Turmfrisur nicht zu ruinieren. Sie folgt mir in den kleinen Garten, in dem sich die fleischfressenden Pflanzen wie Unkraut ausbreiten und nach jedem schnappen, der vom Weg abkommt.
»Oder sie könnte auf Hawaii sein«, murmle ich, ohne dass sie es hört, und rolle mit den Augen.
Mum eilt mir nach.
„Dieses blöde Haus. Wenn ich nur eine andere Möglichkeit gehabt hätte.“ Hinter mir schimpft sie über unser Zuhause, das sie irgendwann vor der Zeit meiner bewussten Wahrnehmung von ihrer Großtante geerbt hat und überhaupt nicht zeigt, dass sie jegliche Form von Magie vollkommen ablehnt. Hier wuchert die Zauberkraft regelrecht aus jeder Fuge.
Am Gartentor holt sie mich ein und kontrolliert zum dritten Mal, ob mein Schal fest genug um meinen Hals liegt. Offensichtlich geht da in ihren Augen noch mehr. Ich röchle und trete einen Schritt von ihr weg. Mühsam lockere ich die Schlinge wieder. Überleben bedeutet heute wohl, außerhalb ihrer Reichweite zu bleiben. Achtlos stelle ich den hüfthohen Alukoffer auf eines der schnappenden Gewächse am Wegrand. Das Pflanzending fiept wie ein getretener Hund und zieht die Kauwerkzeuge, die sich am Ende einer Ranke in meine Richtung schlängeln wollten, schnell wieder zurück.
Nur noch wenige Minuten mit Jacke und dem dicken selbstgestrickten Galgenstrick. Ein paar schwitzende Augenblicke ... so lange muss ich Mums annähernd tödliche Fürsorge noch ertragen, bevor ich endlich frei bin. Wir haben September und es sind 26 Grad. Andere gehen ins Freibad und ich koche dick eingepackt im eigenen Saft. Lecker ...
Zum hundertsten Mal an diesem Tag schiebe ich meine Hand in die Jackentasche und streiche über das dicke Pergament mit dem Wachssiegel. Die leise knisternde Einladung ist der Schlüssel zu einer selbstbestimmten Zukunft. Die Hochwärts Akademie für Zauberei hat mich angenommen. Unglaublich! Dabei habe ich mich nie beworben. Aber die Magierwelt wird schon wissen, was sie tut. Das hoffe ich zumindest.
Mum findet es überhaupt nicht gut. Seit Tagen zetert sie, dass die Magierwelt ihre gierigen Klauen von mir lassen soll. Aber sie hat keine andere Wahl, als sich zu fügen. Niemand widerspricht dem Rat der Schwarzwälder. Sie sind die Regierung der Zaubererwelt im süddeutschen Raum. Auch Mum weiß das. Sie ist ja auch eine Hexe, scheint das aber sehr gern zu verdrängen.
Nervös starre ich zur Kreuzung am Ende unserer Straße, vorbei an den Zäunen, die in allen grellen Farben dieser Welt angestrichen sind, und lausche nach Motorengeräuschen. Wo bleibt denn jetzt der Bus? Ungeduldig zapple ich von einem Fuß auf den anderen. Nibbes springt unterdessen aufgeregt um Mum und mich herum. Seine blauen Stummelflügel flattern unentwegt und machen dabei ein Geräusch, als würden sie zu einer übergroßen Hummel gehören. Nibbes haben wir mit dem Haus geerbt. Er ist ein Tollpatsch, aber Mum meint, er soll mit mir fahren. Als Begleittier sozusagen. Ob das wirklich eine gute Idee ist? Ich wage es, zu bezweifeln.
Nibbes ist kein normaler Familiendrache. Der Ärmste ist mit einer Mischung aus ADHS und Angststörungen geschlagen. Deshalb sollte er in einer vertrauten Umgebung und unter ständiger Aufsicht sein. Mum hat sich geweigert, mir einen Frosch oder ein Frettchen zu kaufen. Ein Haustier reicht, hat sie gesagt. Genau. Sie hat ja keinen Stress damit, wenn er mir an den Hacken hängt. Wieder etwas Magisches aus dem Haus.
Aber wie soll ich mich aufs Lernen konzentrieren, wenn mein Haustier mir den letzten Nerv raubt? Um das nochmal zu verdeutlichen, kommt Nibbes Drachenschwanz einer fleischfressenden Pflanze zu nahe, die sich diese Chance natürlich nicht entgehen lässt. Sie beißt herzhaft zu, Nibbes kreischt auf.
Seufzend befreie ich ihn und halte seinen grüngeschuppten Schwanz in der Hand, bis sich die Wunden wieder geschlossen haben. Drachen haben eine unglaublich gute Selbstheilung und dabei ein furchtbares Gedächtnis. Das heißt, die Wunde ist weg und er weiß nicht, dass es jemals wehgetan hat. Schon im nächsten Moment, rennt er zur Haustür und holt einen Ball aus dem Korb mit seinen Spielsachen, der neben dem Eingang steht. Übermütig hüpft er vor mir auf der Stelle und lässt die Zunge seitlich aus dem Mund hängen.
»Nein, Nibbes, wir haben jetzt keine Zeit zum Spielen.« Ich nehme ihm die gelbe Gummikugel aus dem Maul, gehe seufzend zurück und lege sie in den Korb, nicht ohne den Deckel diesmal fest zu verschließen. Auch ein Nein vergisst er viel zu schnell. Der Drache legt die Ohren an und winselt herzerweichend. Ich tätschele ihm den Kopf im Vorbeigehen und öffne das Gartentor.
In diesem Moment taucht aus dem Nichts ein uraltes Ungetüm von quietschgelbem Schulbus auf, wie man ihn aus den Staaten kennt. Ein Puff und das Gefährt ist da. Ich keuche auf und lege mir die Hand auf die Brust, damit mein Herz sich nicht an den Rippen vorbeidrängen und über den Weg hopsen kann. Bremsen kreischen und Mum ebenfalls. Ein Bus aus dem Nichts, das passiert ja auch nicht alle Tage. Mit weit aufgerissenen Augen springt sie einen Schritt zurück. Dabei stolpert sie über Nibbes, der wie angewurzelt dasitzt und glotzt.
Mum rudert mit den Armen, als würde sie gleich zum Flug abheben wollen. Zu spät! Sie kann sich nicht halten. Wie in Zeitlupe kippt sie nach hinten um. Der Drache heult auf, als ihr Hintern seine gerade erst verheilte Schwanzspitze einquetscht. Er atmet mit bebenden Nüstern ein und ich ahne bereits, was gleich geschehen wird, aber ich kann nicht mehr eingreifen. Alles geht viel zu schnell. Nibbes Feuerstrahl brennt Mum das ach so hübsche Blümchenkleid vom Leib. Innerhalb von Sekunden fressen sich die Flammen durch die Kunstfasern. Zum Vorschein kommt feuerfeste, selbstgestrickte Unterwäsche in Regenbogenfarben. Zum Glück hat sie vorgesorgt. Bis auf ein paar rote Stellen, die einem Sonnenbrand ähneln, bleibt Mums Haut unverletzt. Sie kennt Nibbes eben. Wenn er im Stress ist, brennt er öfter mal etwas an.
Mein Blick fällt auf den Busfahrer. Der starrt meine Mum unverhohlen an und leckt sich gierig über die Unterlippe. Er hat wahrscheinlich noch nie eine Frau in LGBTQ Unterwäsche gesehen. Ach was, wenn ich ihn mir so ansehe, hat er jegliche Frauenunterwäsche wohl bisher nur auf der Website DeinPornofilm oder in der Frauenabteilung im Kaufhaus zu Gesicht bekommen.
»Das ist meine Mutter, Mister!«, fahre ich ihn an und stelle mich so, dass der Blick auf Mum unterbrochen wird. Wie gerne wäre ich jetzt breiter und größer. Hinter mir kann sich niemand wirklich verstecken.
Der Busfahrer zuckt nur mit den Schultern. Mein wütender Blick scheint ihm nichts auszumachen. Was für ein Widerling. Er schaut nicht mal weg. Reckt sogar den Hals, um an mir vorbeischauen zu können. Entschlossen wickle ich mir den Schal vom Hals. Das Ding ist groß genug, dass ich meine Mutter damit vollständig bedecken kann. Was ich auch tue. Dreimal um sie herumgeschlungen, sieht der Schal aus, wie ein Strickkleid vom Modedesigner. Schöner Nebeneffekt: Ich bekomme wieder besser Luft. Dann schnappe ich mir ihre Hand und ziehe sie auf die Füße. Sie steht, ist unversehrt und Nibbes Jammern verklingt zur Hintergrundmelodie. Ich kann gehen. Endlich!
»Bye, Mum!«, rufe ich, schnappe meinen Koffer und gehe auf den Einstieg zu.
»Koffer kommen unten rein. Und den wandelnden Grill bitte mit Anti-Hitze-Maulkorb gleich mit.« Nibbes lässt bei den Anweisungen des Busfahrers die Ohren hängen und winselt.
Ich tätschle ihm den Kopf. »Selber schuld, mein Freund. Du musstest ihnen ja diese Vorstellung bieten.« Mit zusammengebissenen Zähnen nehme ich den Maulkorb vom Gartenzaun und lege ihn Nibbes an. In seinem Blick liegt ein Vorwurf, als hätte ich ihm sein Leckerli gestohlen. Er wickelt sich um meinen Koffer und ich stelle beide in den Gepäckraum. »Bestimmt dauert es nicht lange bis wir da sind. Das ist ein Zauberbus. Der ist schnell.«
Der Drache dreht beleidigt den Kopf weg. Seufzend schließe ich die Klappe. Dabei habe ich ein echt schlechtes Gewissen. Nibbes ist ein Drache, der auf dem Sofa schläft und sich frei im Haus bewegen kann. Noch nie haben wir ihn eingesperrt. Heute ist das erste Mal. Hoffentlich kriegt der sich wieder ein. Ich habe keine Lust, das Schuljahr mit einem schmollenden Begleiter zu verbringen.
Mum hat sich zwischenzeitlich so in den Schal gewickelt, dass ihr Lock einer indischen Göttin gleicht. Ich ahne Schreckliches, als sie mit ausgebreiteten Armen auf mich zukommt. Nein. Reicht es denn nicht, dass jeder freie Sicht auf ihre Unterwäsche hatte? Nein! Nein! Nein! Das wird sie doch jetzt nicht auch noch tun? Mein Blick ruckt zu den verspiegelten Fensterscheiben, hinter denen mit Sicherheit unzählige Augen auf mich gerichtet sind. Zu spät. Sie zieht mich an sich und drückt ihr Gesicht an meine Wange. Richtig! Kein so kleiner Schmatzer. Ich komme mir vor wie ein Picasso. Mein ganzer Kopf hat sich verschoben, als ihre knallrot geschminkten Lippen in meinen ordentlich gepflegten Teenager-Vollbart einsinken. Ihre Finger krallen sich in den Rücken meiner Jacke und in diesem Moment bin ich sehr froh, dass sie mich zu diesem Kleidungsstück genötigt hat. Sonst hätte sie jetzt Fleischfetzen unter ihren Nägeln.
»Ich hab dich so lieb, Frederik. Pass auf dich auf.« In ihren Augen glitzern Tränen und sie zieht geräuschvoll die Nase hoch ... und ich ... ich will nur weg. Mein Gesicht glüht vor Scham. Warum müssen Mütter so sein? Verdammt! Ich bin fast erwachsen!
»Du kannst mich jetzt loslassen, Mum. Ich komme ja wieder.«
»Aber erst in den Sommerferien. Fast ein ganzes Jahr. O Frederik ...«
Bevor sie sich weiter in ihr Elend ergeben kann, rettet mich der Busfahrer. »Kann der Junge jetzt einsteigen, oder müssen sie ihn vorher noch stillen?«
Mum atmet bereits ein, um ihm eine passende Antwort entgegenzuschleudern, aber ich reiße mich von ihr los.
»Mum, nein, bitte! Das ist peinlich. Denk an Mobbing und so. Mach keine Szene!« Sie zieht erneut die Nase hoch und reckt entschlossen das Kinn. Wenn Blicke töten könnten, wäre der Fahrer genau jetzt in seinem Sitz zusammengesunken und eines elendigen Todes gestorben. Zum Glück atmet er weiter.
»Dann geh jetzt, mein Freddybärchen. Und schreib mir, okay?«
Freddybärchen? Das hat sie nicht wirklich gesagt. Meine Ohren glühen. Sicherlich sehe ich aus wie eine sonnengereifte Tomate aus Spanien. Und ich bin kurz davor im Erdboden zu versinken. Nur weg! Jetzt! Eilig haste ich die Stufen des Einstiegs nach oben und winke zurück, ohne mich noch einmal zu Mum umzudrehen. Jegliche Handlung könnte sie dazu auffordern, mir auch noch in den Bus zu folgen.
»Such dir einen Platz. Die Fahrt wird holprig, Freddybärchen.« Der Busfahrer grinst breit. Kann man vor Scham sterben? Wenn ja, ist es bei mir gleich soweit.
»Mh.« Mehr bringe ich nicht heraus, weil ich auf das Tuscheln um mich herum lausche. Entschlossen halte ich meinen Kopf gesenkt, schiele nur durch meine Haarsträhne nach einem freien Platz. Doch in jeder Reihe stehen Schuhe, in denen Füße stecken. Die Köpfe zu den Füßen murmeln und einige kichern. Ich will sie nicht ansehen.
Da hat mir Mum ja einen riesigen Gefallen getan. Ich bin das Gespött noch bevor ich in der Schule ankomme. Wie konnte sie auch noch den Kosenamen ausplappern, den sie mir als Kleinkind gegeben hatte?
Ich will mich nur noch auf ein Polster fallenlassen und hoffen, dass alle Personen hier ein Gedächtnis wie Nibbes haben.
Erst ganz hinten ist ein Sitz frei. So schnell ich kann, steuere ich darauf zu. Als wäre es eine Rettungsinsel. Ich lasse mich darauf fallen und stoße lautstark die Luft aus.
Das schlimmste habe ich überstanden. Ich bin im Bus und kann mein altes Leben hinter mir lassen, zusammen mit Mum und Freddybärchen.
»Hallo, ich bin Tim.« Eine Hand schiebt sich in mein Sichtfeld. Neugierig hebe ich den Blick und sehe in ein rundes Gesicht, dessen Mund so breit grinst, dass es beinahe wirkt, als würden seine Wangen Wellen schlagen. Er hat raspelkurzes, schwarzes Haar und kleine graue Augen. Zu meiner Überraschung sehe ich in ihnen keine Schadenfreude. Da ist einfach nur freundliches Interesse. Erleichtert schlage ich in seine Begrüßung ein.
»Freddy.«
»Freut mich, dich kennenzulernen.« Er kramt eine Packung Papiertaschentücher aus seinem Rucksack. »Du solltest dir vielleicht den Lippenstift abwischen, bevor wir in der Schule ankommen.«
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Daran habe ich ja gar nicht gedacht. Hastig wische ich über meine Wange, während ich in Gedanken meine Mutter mit allen Beschimpfungen bedenke, die mir gerade einfallen. Sie hat tatsächlich nichts ausgelassen, damit ich der Witz der Schule werde. Es wird ohnehin schon schwer, weil ich nicht die geringste Ahnung vom Zaubern und Nibbes am Bein habe. Vorsichtig sehe ich mich um. Da sind coole Eulen, Steinmarder und sogar ein Fuchs. Das sind Zaubertiere, die coole Kinder mitbringen. Nur ich bin mit einem nicht funktionierenden Drachen geschlagen.
»Was hast du für einen Begleiter dabei?«, wende ich mich an Tim.
Sein Kopf ruckt zu einer älteren Dame, die neben ihm sitzt. Sie beugt sich vor und Erde rieselt aus ihren Haaren.
Mir entgleisen die Gesichtszüge. Ist das sein Ernst? Ich nehme alles zurück. Nibbes ist auf keinen Fall der merkwürdigste Begleiter. »Was soll das sein?«
Tim verzieht kläglich das Gesicht. »Meine Mutter wollte mir kein Tier kaufen, also bin ich auf den Friedhof gegangen und hab mich bei meiner Oma beschwert. Sie hat mir immer geholfen, ist aber leider vor einer Woche gestorben.«
»Und dann hast du sie ausgegraben?«
»Nicht so ganz.« Tim knetet seine Finger und schaut zu Boden.
»Was denn dann?«
»Ich war so wütend auf meine Mutter. Deshalb habe ich meine Faust auf den Boden geschlagen. Dort sind Funken aus der Erde aufgestoben. Und kannst du dir vorstellen, bevor ich überhaupt verstanden habe, was da passiert ist, hat sich Oma selber ausgegraben.« Noch einmal sehe ich zu der Frau, die ihren Enkel liebevoll anlächelt. Mich schüttelt es. Das ist ja noch schlimmer, als würde ich meine Mutter mitnehmen. Diese Oma wird verwesen. Schon jetzt sieht sie nicht mehr ganz so frisch aus. Erste grüne Flecken zeigen sich an ihrem Gesicht und die Lippen wirken, als hätte die Dame schwarzen Lippenstift aufgelegt.
Ich beuge mich zu Tim hinüber. »Stinkt sie?«
Er schüttelt den Kopf. »Ich habe ihr zwei Tüten Mottenkugeln zu essen gegeben. Der Lavendel darin hilft ungemein.«
»Mottenkugeln. Tolle Idee.« Mit einem Nicken werde ich in den Sitz gedrückt und meine Gesichtshaut schält sich beinahe von meinem Schädel, weil der Bus innerhalb weniger Sekunden von null auf mindestens dreihundert beschleunigt. Die Landschaft fliegt in einem Streifenmuster am Fenster vorbei. Dabei benutzen wir keine Straße, sondern fliegen wenige Meter über dem Boden, als wäre der Bus eine riesige Drohne.
Ich schreie auf und kralle mich in das Kunstleder, als wir knapp dem Zusammenstoß mit einem Hochhaus entgehen, nur um anschließend direkt auf eine Klippe zuzuhalten. Mein Herz setzt einen Schlag aus, danach röhrt es wie ein rasender Porsche den Motor auf. Ich werde sterben, bevor ich überhaupt in der Schule ankomme. Erst im letzten Moment weicht der Bus der Kollision mit dem Felsen nach rechts aus und ich atme kurz durch.
Aber mir bleibt keine Zeit für Erleichterung, denn dann geht es nach unten. Wir tauchen in Wasser ein. Mein Magen schlingert, als die Strömung uns erfasst und den Bus dreimal im Kreis herum schleudert.
»Herzlich willkommen auf dem direkten Weg zur Hochwärts-Akademie. Um magische Energie zu sparen, nutzen wir den Rhein. Damit erreichen wir unseren Bestimmungsort schneller als die Deutsche Bahn.« Der Busfahrer lacht, als hätte er den Witz des Jahrhunderts gerissen. Dabei ist doch wohl alles schneller als die Deutsche Bahn. Mir ist so schlecht. Ich möchte mich nur übergeben. »Also Kids, haltet euch fest und hört um Gottes willen niemals auf die Schlampen der Fluten.«
»Was meint er?«
»Weißt du das nicht?«, fragt mich Tim mit hochgezogenen Augenbrauen. »Im Rhein wimmelt es von Undinen, die Menschen ins Unheil locken wollen.«
»Das haben die in der Einladung wohl vergessen zu erwähnen.«
Tim nickt ernst. »Dann ist es ja gut, dass ich bei dir bin.«
Ich schlucke schwer. Das sagt einer, der seine Zombie-Omi mit in die Schule bringt. Wie wenig Ahnung ich nur habe. Ob das den Lehrern der Hochwärts-Akademie auffallen wird? Zu weiteren Gedanken komme ich nicht mehr. Gurte fahren aus und schlingen sich um unsere Hüften. Dafür ist es wohl ein wenig spät, nach all den Pirouetten. Durch die Rückscheibe erkenne ich eine ganze Armee halbnackter Meermenschen, die uns hinterherjagen. Die silbernen Flossen wirken, wie messerscharfe Klingen und der Ausdruck auf ihren Mienen zeigt, dass sie diese wohl nur zu gern an uns ausprobieren würden.
»Fahren Sie schneller!«, schreie ich durch den ganzen Bus. Alle Augen richten sich auf mich. Der genervte Ausdruck weicht Panik, als ich mich zur Seite beuge und mit dem Daumen hinter mich deute. Plötzlich reißen sie alle die Augen erschrocken auf und kreischen wie hysterische Waschbären. Vielleicht ist Unwissenheit gar nicht so schlecht. Ich will gar nicht erfahren, wovor die anderen solche Angst haben.
»Die kriegen uns nicht!« Der Fahrer lacht laut auf, als würde er sich in eine epische Schlacht stürzen und nicht Jugendliche in eine Schule bringen. Der Bus beschleunigt und die Verfolger verschwinden in den Luftblasen der Geschwindigkeit. Der Motor heult auf. Fische wirbeln um unsere unsichtbare Schutzhülle herum, die offensichtlich nur das Wasser von uns fernhält, aber nicht die Dinge, die sich darin bewegen. Das ist ein ungeheurer Konstruktionsfehler, denn einige klatschen gegen die Frontscheibe, sodass der Busfahrer die Scheibenwischer anschalten muss, der sich weit ausfährt und eher wie eine Schneeschaufel konzipiert ist. Die Ummantelung ist wohl dehnbar. Ein Kondom für einen Bus.
Trotzdem reicht es nicht. Mein Herz rast und ich schnappe nach Luft, als einer der Fischmänner sich am Seitenfenster festkrallt und die Flossen an seinen Handgelenken in das Blech rammt. Zwar tritt kein Wasser ein, aber das Monster zerreißt die metallene Wand, als wäre der Bus eine Sardinendose. Sein Gesicht, das mich durch die Fensterscheibe direkt anzustarren scheint, ist voller Hass. Er fletscht die Zähne. Reißzähne. Bei dem Anblick stelle ich mir bereits vor, wie er sie in mich schlägt. Gruselig.
»Komm zu mir. Umarme mich. Nur im Wasser kannst du Liebe finden.« Wie kann ein Typ, der so fies schaut, eine solch zarte, lockende Stimme haben? Ich will das Lächeln in seinen Worten hören und jede Zelle in mir gerät in Wallung. Ich will mich dem Meermann in die Arme stürzen und mich in seinen silbernen Augen verlieren.
Tim hält mir Ohropax hin. Ich stecke mir die Stöpsel in die Ohren und sofort verschwindet das falsche Gefühl der Verbundenheit. Ich atme erleichtert auf und Tim klopft mir grinsend auf die Schultern. Auch die anderen stopfen sich gerade ängstlich die Schaumgummigebilde in die Ohren. Sie kennen sich offensichtlich mit den Gefahren aus, die im Rhein lauern. Wenn ich zurück nach Hause komme, muss ich Mum unbedingt den Kopf abreißen. Sie hätte mich warnen können. Mich schaudert. Hätte ich Tim nicht gehabt, wäre diese Anfahrt der Beginn einer Beziehung der besonderen Art geworden. Eine die mich den Kopf hätte kosten können. So habe ich mir meine erste Liebe beim besten Willen nicht vorgestellt. Ein mordender Fischmann ist nicht der perfekte Boyfriend, den man seiner Mutter vorstellt.
So schnell könnte der aufregendste Tag in meinem Leben zu meinem Todestag werden. Alle Mitreisenden quetschen sich auf der gegenüberliegenden Busseite zusammen. Sie klammern sich an den Rückenlehnen und aneinander fest. Die Panik macht die Luft zum Schneiden dick. Das ist beinahe so, wie in meinen Videospielen. Dort muss auch erstmal Chaos ausbrechen, damit der Held alle retten kann.
Aber das hier ist echt. Es gibt nach dem Game over kein Repeat. Tot heißt tot, außer man hat einen Tim, der einen auferstehen und lebendig verfaulen lässt. Igitt!
Außerdem gibt es hier keinen Helden. Alle kreischen nur wild durcheinander. Der Wassermann hat inzwischen Unterstützung bekommen. Drei weitere dieser wütenden Gesellen reißen die Seitenwand des Busses in Streifen.
Bisher haben diese Biester uns auf der hintersten Sitzbankreihe nicht mal bemerkt und der Schutzschild wirkt noch immer. Das Wasser bleibt draußen.
Keine Ahnung, welcher Teufel mich reitet, aber ich schnalle mich ab, schnappe mir Tims Rucksack, renne im Gang nach vorn und schlage damit auf die Arme ein, die versuchen ins Innere zu greifen. Zum Glück funktioniert mein Verstand gerade nicht, sonst würde ich mich ebenfalls zu den kreischenden Schülern und Schülerinnen gesellen und einfach nur heulend die Augen zusammenpressen. Vogel Strauß Taktik. Wenn ich die Gefahr nicht sehe, dann sieht sie mich auch nicht.
Eine Hand legt sich auf meinen Rücken. Ich fahre herum und das blonde Mädchen, das aus einer der Sitzreihen nach mir greift, kann sich gerade so ducken, damit der Rucksack über sie hinwegrauscht und sie nicht am Kopf trifft.
»Keine Zeit«, keuche ich und gehe wieder an die Arbeit, die immer aussichtsloser erscheint.
»Hier, nimm das.« Ein Messer, das mich an eine Machete erinnert, schiebt sich in mein Sichtfeld.
Kurz stutze ich. Warum nimmt jemand eine solche Waffe mit in eine Schule? Aber mir bleibt keine Zeit, mir weiter darüber Gedanken zu machen. Eine Hand umklammert mein Bein und zieht mich mit einem Ruck näher. Die Undine öffnet den Mund, bereit mir ihre Haifischzähne in den Oberschenkel zu rammen.
»Ich bin kein Essen, Miststück!« Nun zögere ich keinen Moment länger, lasse den Rucksack fallen und greife nach der Waffe. Mit aller Kraft hacke ich mit der Machete auf Hände, Köpfe und alles, was ich sonst noch so erwischen kann, ein. Auch das Mädchen macht jetzt mit. Sie hat noch ein zweites Hackmesser dabei. Unglaublich!
Braunes Blut und Fleischfetzen spritzen durch den Innenraum. Die Schreie der verwundeten Fischmenschen sind so laut, dass mein Gehirn zu platzen droht. Aber wenigstens lassen sie einer nach dem anderen vom Bus ab. Nur ein paar ganz Dumme versuchen es weiter. Tim schnappt sich seinen Rucksack, den ich achtlos zu Boden habe fallen lassen. Jetzt ist er es, der damit auf die Löcher im Bus einschlägt, sobald sich auch nur ein Finger darin erahnen lässt.
Mein Arm brennt und meine Hände sind rutschig, als der Bus endlich auftaucht und die Wasserwesen wie reife Äpfel von ihm abfallen. Ich sinke auf meinen Sitz und wische mir den Schweiß von der Stirn. Dabei verteile ich Fischblut auf meiner Stirn. Ich rümpfe die Nase. Einfach widerlich. Tim und das Mädchen keuchen rechts und links von mir. Was für ein Schulweg.
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