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Arbeitstitel: Terrana

Terrana ist eine Dystopie, die im März 2027 im Hybridverlag erscheinen wird.

Es erwartet dich eine blinde Protagonistin, die trotz aller Widerstände über sich selbst hinauswächst und ein Held wider Willen, der alles tut, um sie am Leben zu halten. Wenn du Lust auf die tiefen Abgründe einer Gesellschaft, tödliche Wettkämpfe und eine Liebe hast, die anders ist als alles, was du zuvor gelesen hast, dann bist du hier genau richtig.

Aus dem Lehrbuch für Absolventen der Life Gate Boarding School

 

Terrana ist das Ziel eines jeden Absolventen.

 

Terrana bedeutet Heimat.

Terrana bedeutet Sicherheit.

Terrana bedeutet Leben.

 

Nachdem auf der Erde kein Leben mehr möglich ist, sind wir den Terranern dankbar, dass sie unseren Kindern die Chance eröffnen, auf ihrem blühenden Planeten ein unbeschwertes Leben zu führen. Von dem Augenblick an, an dem sie den Boden Terranas betreten, stehen sie unter dem Schutz eines Bewohners dieser Welt, der sich um ihr Wohlergehen sorgt und sich auf die bestmögliche Weise um sie kümmert. Das bedeutet nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sondern auch eine berufliche Ausbildung und die Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben, eine eigene Familie und der Besitz einer Wohnstätte. Diese Aufgabe erfordert Hingabe und Uneigennützigkeit von den Mäzenen, die sich unserer siegreichen Absolventen annehmen. Das ist alle Hoffnung, die sie haben, mehr als die Absolventen auf der Erde erwarten würde. Unser Planet ist tot, bietet keine Zukunft.

Die Terraner wollen das Überleben unseres Volkes sichern. Deshalb nehmen sie jedes Jahr zehn Menschenkinder auf. Sie heißen sie auf Terrana willkommen.

Vierzig junge Menschen erhalten die Chance, für dieses Privileg zu kämpfen. In Prüfungen können sie sich beweisen. Wer den Wert dieses Geschenks wirklich zu schätzen weiß, den erwartet eine Raumkapsel, die Leben bedeutet.

Alle anderen werden aus der Life Gate Boarding School entlassen. Ihre Schulzeit endet mit einer verlorenen Prüfung. Sie gehen unverzüglich durch das Haupttor. Die Schulleitung übernimmt keine Verantwortung mehr für sie, wünscht ihnen auf ihrem weiteren Weg alles Gute und viel Glück.

 

 

Stand: 01. September 0002 aw

 

                     

Kapitel 1

 

Corra

 

Und wieder sitze ich hier auf meinem unbequemen Plastikstuhl und höre nur die Stifte auf den DigiPads kratzen. Die Aufgaben stehen an der Holowand. Für jeden gut sichtbar, nur nicht für mich. Schon lange frage ich mich, ob die Lehrer das mit Absicht tun – mich aussperren aus allem, was für die anderen normal ist.

Ich weiß, dass ich ein Unfall hier an diesem Ort bin. Ich bin defekt inmitten von scheinbarer Normalität. Aber ich habe mir nicht ausgesucht blind zu sein. Es ist einfach so. Wenn man mir die Chance geben würde, könnte ich in allen Fächern gut mithalten. Dafür bräuchte es so wenig. Aufschriebe an der Holowand, die vorgelesen werden oder einen Hinderniswarner im Sportunterricht. All das hat man mir verweigert und ich habe aufgegeben, darum zu kämpfen. Seit Jahren suche ich nach meinen eigenen Methoden, mit meinem Handicap umzugehen.

Mit einem stummen Seufzen lehne ich mich auf meinem Stuhl in der letzten Reihe zurück und denke darüber nach, wie ich hier landen konnte. Es ist offensichtlich jemandem ein Fehler passiert. Und dieser Fehler ist verantwortlich, dass ich in einem Klassenraum sitze und nicht schon längst vor den Toren der Schule ausgesetzt wurde. Es wäre so einfach für sie. Es würde keine Woche dauern und sie hätten mich los, ohne sich die Finger an mir schmutzig zu machen. Auf was warten sie? Die Antwort auf diese Frage beschäftigt mich, seit ich denken kann. Seit Alek mich zum ersten Mal gegen die Wand gestoßen hat, um sich dann über mich lustig zu machen.

»Oh, ist das arme blinde Ding gestolpert? Warte, ich helfe dir.« Die Boshaftigkeit in seiner Stimme höre ich noch immer in meinem Kopf. Sie begleitet meinen Albtraum, der mich fast jede Nacht einholt: Alek fasst nach meiner Hand und greift gleichzeitig meinen Ellenbogen. Dann rammt er den Arm ziemlich genau in der Mitte auf etwas Hartes. Ich weiß bis heute nicht, ob es sein Knie oder eine Tischkante war. Aber das Knacken, als mein Knochen in zwei Teile zersprang und der Schmerz, als die Bruchkante durch meine Haut stieß, haben sich in mir eingegraben. In diesen Momenten wache ich meist auf, weil mein Schrei die Nacht zerreißt. Glücklicherweise haben wir Einzelzimmer. Die sind zwar nur so groß, dass sich der Schrank, auf den Boden gelegt, zu einem schmalen Bett umfunktionieren lässt, aber für mich ist es mein Reich. Ein Rückzugsort, an dem Worte mich nicht schneiden können und Gewalt keinen Einlass findet. Sogar die Schiebetür kann ich verschließen. Nur die Lehrer und Helfer haben trotzdem Zutritt. Alle anderen des A-Kurses bleiben ausgesperrt.

»Corra, träumen Sie schon wieder, anstatt sich an den Aufgaben zu versuchen?«

Ich fahre zusammen, als ich die Stimme von Lehrer B direkt an meinem Ohr höre. Normalerweise sind meine Sinne so trainiert, dass ich es riechen kann, wenn sich jemand nähert, aber heute bin ich zu seht in Gedanken gewesen.

Schnell fange ich mich wieder, denn ich darf keine Schwäche zeigen. Gerade bei ihm. Er ist wie Alek und lauert im Hintergrund auf mein Versagen. Meine Gedanken rasen. »Ähm, wir können einen Deal machen. Sie sagen mir die Aufgabe und ich löse sie für Sie.«

Er lacht und es ist kein nettes Lachen. Ich kenne den Unterschied. Gleich werde ich wieder einen verbalen Hieb abbekommen. Ich weiß, dass ich allein bin, aber die Ablehnung dieses Lehrers setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Sie nimmt den anderen meines Jahrgangs die Scheu davor, mich ebenfalls zu verhöhnen. Ihr Kichern verletzt mich. Sie lachen die zum Tode Verurteilte aus und niemand wird etwas dagegen unternehmen. Obwohl ich mir immer wieder sage, dass es mir nichts ausmachen sollte, dass es von mir abprallen sollte, ist es doch schmerzhaft, ihre Ablehnung zu spüren.

»Corra, Sie wissen, dass für alle die gleichen Regeln gelten. Wegen einer Unpässlichkeit können wir keine Ausnahme machen.«

Ich schlucke. Unpässlichkeit. Als ob meine Blindheit ein grippaler Infekt wäre. Das ist doch ein schlechter Witz. Gerade will ich den Mund öffnen, um Lehrer B eine passende Antwort auf seine Unpässlichkeit zu geben, da meldet sich jemand anders zu Wort.

»Ich habe auch eine Unpässlichkeit. Können Sie mir die Lösungen verraten?« Aleks Stimme schallt durch den Klassenraum und ich hasse mich dafür, dass ich zusammenzucke und meinen Arm unwillkürlich an meine Brust ziehe.

»Sehen Sie, was Ihre Andersartigkeit mit der Disziplin in der Klasse macht?«, raunt Lehrer B mir zu. Leider ist er nicht so leise, dass die anderen ihn nicht hören. Sie kichern und das Geräusch verursacht tausend winzige Nadelstiche auf meiner Haut.

Reiß dich zusammen. Langsam solltest du dich wirklich daran gewöhnt haben, schimpfe ich mich stumm und straffe meine mentalen Schultern.

»Leider kann ich es nicht sehen, Lehrer B. Deshalb habe ich den Unterricht nicht gestört und gewartet, bis wieder etwas besprochen wird. Davon wollte ich Mitschnitte erzeugen, um sie in meiner Freizeit in ein digitales Manuskript umzuwandeln, das ich mir vorlesen lassen kann. Sie kamen zu mir. Ich habe nur auf Ihre Fragen geantwortet.« Mir ist dabei vollkommen bewusst, dass es ein Fehler ist, ihn wütend zu machen. Er kann mir die wenigen Privilegien streichen, die ich mir durch meine Arbeit in der Bibliothek verdient habe. Trotzdem lächle ich so unschuldig ich kann zu ihm auf.

Endlich höre ich das leise Quietschen seiner Sohlen auf dem Linoleum, mit dem das Klassenzimmer ausgelegt ist. Es sind genau dreizehn Schritte, an vier Tischreihen vorbei, dann steht er wieder an seinem Pult. Ich höre, dass er sich dagegen lehnt, weil der Kunststoff leise ächzt.

Er räuspert sich, um die Aufmerksamkeit der Klasse auf sich zu lenken, obwohl ich mir sehr sicher bin, dass ihn ohnehin jeder nach unserem Wortwechsel anschaut.

»Legen Sie Ihre Stifte beiseite. Der Unterricht ist für heute beendet. Bitte finden Sie sich in einer Stunde am großen Tor ein. Wir unternehmen heute einen Ausflug, um Ihnen die Tragweite ihrer Zukunft vor Augen zu führen.«

Ich schnaube bei dieser Ankündigung. Tragweite unserer Zukunft. Dass ich nicht lache. Welche Zukunft soll das denn sein? Die als Leiche oder die als dankbarer Bittsteller auf Terrana. Obwohl Variante B für mich ohnehin nicht in Frage kommt. Ich werde vor den Toren verdorren und kann nur hoffen, dass ich da schon tot bin.

Trotz meiner Unmutsäußerung lässt sich Lehrer B nicht von seinem Monolog abbringen. »Sie haben Zeit etwas zu essen und ausreichend zu trinken. Vor allem Letzteres kann Ihnen bei unserer kleinen Exkursion sehr zu Gute kommen.«

Stuhlbeine kratzen über den Boden und ich höre, wie alle Schülerinnen und Schüler aufgeregt plappernd den Raum verlassen. Wie gewohnt bleibe ich sitzen, bis alle gegangen sind. Erst dann kann ich mir sicher sein, nicht doch mit jemandem zusammenzustoßen oder über eine am Boden liegende Schultasche zu fallen. Durch solche Unachtsamkeiten habe ich mir in der Vergangenheit schon einige Blessuren eingehandelt.

Nach und nach werden die Stimmen leiser und ich stehe auf. Mit geübten Fingern verstaue ich mein Digipad im schmalen Rucksack und schwinge den Riemen diagonal über meine Brust.

»Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei dem heutigen Ausflug, Corra. Er wird Ihnen zeigen, wo Sie in wenigen Wochen sterben werden.«

Ich schlucke und halte in der Bewegung inne. Meine Sinne sind angespannt. Flüsternd leise höre ich Lehrer Bs Schuhe. Er kommt näher. Schon jetzt vernehme ich seine schweren Atemzüge, die beinahe an ein Knurren erinnern. Ein Zeichen, dass er sich zusammenreißen muss, um die Regeln zu wahren. Kein Lehrer darf einem Schüler schaden. Eigentlich tut er das schon, indem er mir Angst zu machen versucht. Doch das ist schwieriger nachzuweisen als blaue Flecke, die ich sofort zur Anzeige bringen könnte. Die Regel besagt auch, dass niemand berührt werden darf, außer im Notfall und beim Sparring. Auch Alek hat damals eine Strafe bekommen, als er mir den Arm gebrochen hat.

Lehrer Bs Atem streicht über mein Gesicht. Eine Mischung aus Minze und Fäulnis. Es ist ekelerregend, aber ich bleibe weiterhin stillstehen. Ich werde ihm keine Gelegenheit geben, eine Bestrafung meinerseits zu begründen.

»Ich male mir bereits aus, wie sie über den trockenen Boden kriechen, ihre Zunge so ausgedörrt, dass sie bei jeder Bewegung einreißt. Sie werden ihr eigenes Blut aufsaugen, ihre Pisse trinken, bis auch davon nichts mehr da ist und sie ihren letzten Atemzug unter der heißen Sonne in die viel zu schwache Lunge saugen.«

Ich höre seine Worte, aber ich befehle mir, sie nicht in mein Herz zu lassen. Ich weiß selbst, dass ich bei den Prüfungen keine Chance habe und sterben muss, aber bis es so weit ist, verbiete ich mir, in Angst zu leben. Dieser Mann bringt mich nicht zum Zittern.

»Wie schade, dass man Ihnen den Platz in dieser Einrichtung gegeben hat. Fragen Sie sich nicht auch manchmal, welches gesunde Baby sterben musste, weil Sie seinen Platz besetzt haben?«

Ich straffe noch einmal meine Schultern und zwinge meine Stimme zu einem gleichgültigen Unterton. »Ich würde nun gern in die Mensa gehen, wenn Sie nichts dagegen haben. Der Unterricht ist vorbei und für Nachhilfestunden existiert keine Anordnung.«

Er macht einen Schritt zurück. Ich nutze die Gelegenheit und dränge mich an ihm vorbei. Fünf Schritte bis zur Tür. Drehung nach links und dann den Flur entlang, bis das Linoleum in Fliesen übergeht.

Ich bleibe neben der Tür stehen und lehne mich an die Wand. Verdammt! Warum treffen mich solche Worte auch nach achtzehn Jahren so sehr? Egal wie sehr ich mich abschirme. Sie sind wie schwarze, klebrige Nebelschwaden, die sich Zugang zu meinem Inneren suchen. Dabei kriechen sie durch jede noch so kleine Lücke. Es tut weh. Jedes Mal.

Die Stimmen aus dem großen Speisesaal hinter mir werden lauter. Sie lachen. Über mich? Ich weiß es nicht. Trotzdem will ich nicht da rein.

Entschlossen beschließe ich, dass ich eine Pause von den Beleidigungen brauche. Ich muss mich reparieren, so gut es geht, bis der nächste Angriff die Wunden wieder aufreißt.

Es gibt nur einen Ort in Life Gate, an dem ich mich geschätzt fühle. Hier bin ich nicht der Defekt, sondern Corra. Das Mädchen, das gern hilft und in ihren Hörbüchern versinkt. Ich liebe die Bibliothek.

Mein Weg führt mich ins Untergeschoss. Mit jeder Stufe, die ich nach unten steige, werfe ich ein wenig Ballast ab. Ich kann wieder durchatmen, weil der Druck auf meiner Brust nachlässt und mein Puls nach der ganzen angstvollen Raserei ruhig und gleichmäßig schlägt. Hier ist es kühler als im restlichen Gebäude und in der Luft liegt der Duft von Wissen. Ich muss bei dem Gedanken schmunzeln, denn das Einzige, was ich rieche, sind Äpfel und uralte Polstermöbel. Obwohl in einem Regal und einer verschlossenen Vitrine in einem der Seitenräume noch echte Bücher ausgestellt sind, werden sie schon lange nicht mehr hergestellt. Ohne Wälder gibt es kein Papier. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Bäume in der alten Zeit ihr Leben ließen, um zu Papier verarbeitet zu werden, dann kann ich darüber nur den Kopf schütteln.

Heute sind alle Bücher digitalisiert. Als winzige Chips ragen sie aus dem Holz der Regale. Ich muss nur mein Digipad mit ihnen verbinden und schon beginnt meine Leihzeit von zwei Wochen. Mit Ablauf wird es automatisch von meinem Gerät gelöscht.

Ich liebe die Leichtigkeit, mit der ich so an Informationen komme. Denn jedes Buch kann durch eine KI vorgelesen werden. Selbst die Illustrationen aus den Sachbüchern kann die KI beschreiben. Ob die Bilder in meinem Kopf allerdings mit der Beschreibung übereinstimmen, weiß ich nicht. Denn es gibt in den seltensten Fällen Anschauungsmaterial, dessen Oberfläche ich ertasten kann.

Mit einer Flasche Wasser und einem Buch über die Vögel Europas ziehe ich mich zurück. Keine fünf Minuten später dringen die Schritte von Helferin K durch das Zwitschern eines Rotkehlchens. Sie geht immer neben den weichen Teppichen, damit sie nicht zu schnell verschleißen. Ihr voraus strömt der unvergleichliche Duft von Apfeltee. Sie stellt ihn aus den Resten selbst her. Es ist wunderbar, was aus weggeworfenen Kerngehäusen oder Schalen gezaubert werden kann.

»Hallo, meine Kleine. Haben sie dich wieder geärgert?« Sie stellt die Tasse auf das runde Tischchen vor mir und bleibt stehen.

»Es ist alles in Ordnung, Helferin K. Du weißt doch, dass die Bibliothek mein liebster Ort ist. Nur deshalb bin ich hier.«

»Gut, aber lass dir gesagt sein, dass du ein wunderbarer Mensch bist und ihre Beleidigungen nicht verdient hast.«

Ich lächle zu ihr auf. Natürlich ist auch ihr jede körperliche Zuwendung Schülerinnen und Schülern gegenüber verboten, aber sie umarmt mich mit Worten. Sie hüllen mich in einen warmen Kokon. Sie heilen die winzigen Wunden der bösen Anmerkungen, lockern meine angespannten Schultern.

Bei ihr brauche ich keine Verteidigung und kann meinen Schild fallenlassen. Helferin K kommt dem, was ich über Mütter gelesen habe, am nächsten. Bei ihr fühle ich mich schon immer wohl. Sie hat keine Vorbehalte gegen mich oder meinen Defekt. Ich glaube, dass ich ohne sie und diesen Rückzugsort voller Geschichten und Abenteuer nicht überlebt hätte. Meine Seele wäre irgendwann verblutet.

Mir entfährt bei dem Gedanken ans Überleben ein sarkastisches Schnauben. Überlebt, um bald zu sterben – für nichts. Helferin K räuspert sich leise. Ein Zeichen, dass sie auf meine Antwort wartet. Sie will, dass ich nicht aufgebe. Aber was bringt es, weiter zu hoffen und dann doch enttäuscht zu werden, wenn das Todestor hinter mir ins Schloss fällt. Ich bin ehrlich zu ihr, auch wenn ich weiß, dass sie meine folgenden Sätze nicht hören will: »Danke für deine lieben Worte. Aber bald ist es vorbei. Es fällt leichter zu sterben, wenn niemand trauert.«

Sie atmet tief ein und streicht ihre Tunika glatt. »Dann werde ich mich bemühen, dass du meine Sorge um dich nie spürst oder du überlebst einfach. Das sind die beiden Optionen. Aber ich denke, dass die Zweite einfacher zu erfüllen ist.«

Damit dreht sie sich um und schlurft zurück. Ein trauriges Lächeln verzieht meine Mundwinkel. Sie soll sich nicht sorgen, aber ich kann ihr auch nicht sagen, dass ich bei den Prüfungen überleben werde. Ausgerechnet ich. So sehr kann ich nicht mal mich selbst belügen.

Ich verfolge das Rascheln des Teppichs. Sie verschwindet in einer Regalreihe und kontrolliert die Speicherchips auf ihre Funktion. Das ist ihre Aufgabe – jeden Tag. Es ist schön, sich vorzustellen, das Leben in dieser Ruhe zu verbringen. Niemand nimmt Helferin K überhaupt wahr. Sie ist einfach da und wartet darauf, etwas gefragt zu werden. Das wäre das Paradies für mich.

Wie gern würde ich wissen, wie sie aussieht. Ich stelle sie mir immer als weiche Person mit Lachfältchen, vollen Lippen und neugierigen Augen vor. Schön, auf eine zeitlose Art, weil ihre gute Seele nach außen scheint. Meine Finger müssten nur einmal über ihr Gesicht wandern und ich würde ihre Züge nie wieder vergessen. Aber ich traue mich nicht, nach diesem Privileg zu fragen. Das wäre Anstiftung zu einem Regelverstoß. Die Strafen dafür sind hart. Das Lehrerkollegium würde mir wahrscheinlich für den Rest meines Lebens den Kontakt zu Helferin K verbieten. Das kann und will ich nicht riskieren. Für sie nicht und auch nicht für mich. Deshalb konzentriere ich mich auf die Dinge, die ohne eine Berührung ein Bild in meinem Kopf zusammensetzen können: Sie hat den Gang einer alten Frau. Ein Bein zieht sie nach und ihre Schritte sind behäbig. Tina und Sophie haben einmal darüber geredet, dass Helferin K vor lauter Falten kaum noch aus den Augen schauen kann. Wie soll ich mir das vorstellen? Gibt es wirklich Menschen, deren Haut so viele Wellen schlägt? Die beiden Schönheiten übertreiben sicherlich maßlos. Bei ihnen dreht sich jedes Gespräch immer nur um äußere Attribute. Sie sehen offensichtlich nicht, dass die alte Frau vor lauter Schönheit strahlt. Sie trägt die Schönheit in ihrem Herzen. Ich bin blind und sehe nur diese Ästhetik. Helferin K überstrahlt alle.

Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Ich werde sie vermissen und egal, was nach dem Tod auf mich wartet, sie muss in ein Paradies kommen. Davon handeln viele Bücher und die Autoren und Autorinnen beschreiben es alle als wundervollen Ort, an dem Wünsche wahr werden und alle Sorgen vergessen sind.

Ich taste nach der heißen Tasse und nehme einen vorsichtigen Schluck. Der süße Geschmack von Äpfeln breitet sich auf meiner Zunge aus. Genießerisch schließe ich die Augen und höre dabei den durchdringenden Ruf einer Singdrossel, der von meinem Audiobook direkt in meinen Kopf projiziert wird. Wie schade, dass es diese Vögel nicht mehr gibt, wie auch alle anderen, deren Singen und Zwitschern auf dieser Aufzeichnung wunderschön anzuhören ist.

*Bis zur Veröffentlichung kann sich der Text noch geringfügig ändern.

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